Meine Hunde – Spiegel meiner selbst

Da ist sie wieder, die Angst. Die Angst, zu versagen. Die Angst etwas falsch zu machen. Die Frage, erziehe ich meine Hunde richtig? Erziehe ich sie zu wenig? Erziehe ich sie zu viel? Wo setze ich Grenzen? Wieviel Freiheit lass ich zu? Dabei ist es doch eigentlich so einfach. Schaut nur mal richtig hin.

Ja, Hinschauen, das ist wichtig. Dabei muss ich überhaupt nicht wirklich hinschauen. Selbst wenn ich unaufmerksam bin, halten mir meine beiden Wuschels, Herta und Paule, immer wieder den Spiegel vor die Nase.

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Ihr kennt das bestimmt. Heute ist so ein stressiger Tag, schnell noch ne Runde Gassi, dann hab ich volles Programm. Wahrscheinlich ein geschäftlicher Termin oder mal wieder zum Arzt. Bloß nicht zu spät kommen. Ja, und was passiert genau dann, die Hunde kacken nicht. Oh mein Gott, ich muss gehen und die werden einfach nicht fertig. Schlimmer noch: der unsichere Hund, geht nicht einmal mehr von Frauchen oder Herrchen weg. Kann sich einfach nicht lösen. Im doppelten Sinne des Wortes. Wen wundert’s. Mich nicht.

Oder: Am Horizont taucht Erzfeind Charlie auf. Oh mein Gott, nicht der schon wieder. Dabei sind wir doch extra außerhalb Charlies Gassizeiten los. Und was passiert. Wir treffen ihn trotzdem. Umdrehen? Abbiegen? Keine Option. Wir müssen da durch. Und da passiert es auch schon. Ein mörder Gebelle und Geziehe an der Leine – ich ziehe, mein Hund zieht, er bellt und töbert. Während Charlie, zwar ebenfalls in der Leine hängend, mit erhobener Rute und Fixierblick aber still und leise an uns vorbeistolziert. Dieser Köter. Provoziert meinen armen Hund bis auf’s letzte, aber er bellt nicht und damit sind die Würfel gefallen. Wer ist der Depp? Im Zweifel, der Hund der bellt. Ja, so ist das. Natürlich haben die direkten Nachbarn das Gezeter auch wieder mitbekommen. Wo ist das nächste Erdloch in das ich verschwinden kann? Bitte – WO – ich will verschwinden – für immer :-).

Kennt ihr, ja. Es ist zum Mäusemelken. Warum müssen nur immer mir solche Dinge passieren? Denk man sich dann. Dabei ist die Antwort doch so einfach und klar. Der Auslöser für all diesen Mist, bist meist nur du. Du bist stressig, unsicher oder sauer und dein Hund funktioniert nicht. Ist doch klar. Der hat so feine Antennen, weiß genau, dass hier was nicht stimmt. Was genau, erschließt sich ihm nicht. Aber das ist auch egal, denn schon läuft jegliche Situation aus dem Ruder.

Ich jedenfalls kenne solche Situationen nur zu gut. Bin ich schlecht gelaunt reagiert mein Paule mit: DAGEGEN. Dann ist er einfach mal per se gegen alles, was ich ihm sage oder von ihm will. Herta wiederum wird dermaßen unsicher, dass sie entweder in hysterisches Gebell verfällt oder einfach mal nicht mehr von meiner Seite weicht. Nur zur Sicherheit, versteht sich. Zu ihrer oder meiner?

Macht mich eine Situation unsicher, dann bricht für Herta eine Welt zusammen. Sie verlässt sich doch so gerne auf mich. Bin ich unsicher, ist sie es auch. Fühl ich mich einer Situation gewachsen, ist sie es auch.

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„Gib dem Menschen einen Hund und seine Seele wird gesund.“ (Hildegard von Bingen)

Oft ertappe ich mich dabei, wie ich mal wieder nicht kapiere, warum meine Hunde so reagieren, wie sie eben gerade reagieren. Doch dann sehe ich den Spiegel, den Spiegel den mir die beiden vorhalten. Dann sehe ich meinen Stress, meine Unsicherheiten, meine Ängste oder eben auch mein Stärken. Ja genau, auch unsere Stärken zeigen sie uns. Die allerdings sind wir oft noch weniger in der Lage zu erkennen, als Fehler, Stress oder Unsicherheiten.

Heute Morgen zum Beispiel. Unterwegs auf einer unserer Touren. Oh ne, am Wegesrand eine Herde junger Rinder, allesamt männlich – wie heißen die – Jungbullen? Egal. Es waren circa 20 an der Zahl. Ein paar am Grasen, ein paar am Raufen. Mittendrin ein ausgewachsener Bulle. Dann der Weidezaun. Weniger Zaun, eher ein dünnes Bändchen. Ist da überhaupt Strom drauf? Ach herrje. All das zusammen jagte mir einen Heidenangst ein – wehe dem, wer jetzt lacht. Ich breite gerade mein Innerstes aus. Herrlich, was für eine Pfeife ich doch bin. Souverän sah ich in dem Moment nicht aus. Also, wenn wir da so jetzt vorbeilaufen, dann geht das in die Hose. Herta und Paule haben die Lunte natürlich längst gerochen. Paule sitzt halb rechts vor mir. Gespitzte Ohren und angespannte Körperhaltung. Die Atmung wird immer schneller. Herta sitzt hinter mir. Noch ruhig, aber natürlich verunsichert. Bald wird sie anfangen zu fiepen. Ich weiß. Also überlege ich, warte, überlege … umdrehen? Keine Option. Ich bin doch kein Feigling. Doch bin ich. Trotzdem. Ich dreh nicht um. Warte noch ein bisschen. Überlege, warte … Dann fass ich mir ein Herz. Innerlich bin ich mittlerweile wieder ruhig. Also los. Haltung einnehmen und go. Was passiert? Nix. Die jungen Rinder nach wie vor am Klotzen und ein paar auch noch am Raufen. Meine Hunde und ich. Völlig ruhig. Beide Hunde an meiner Seite und das Beste: mit entspannter Rute.

Wie war das möglich? Ganz klar. Ich bin erst in dem Moment losgelaufen, in dem es in mir drin wieder stimmte. So einfach ist das? Ja, eigentlich. Nur leider nicht immer möglich. Und warum? Nun ja, so ist das Leben. Ich für mich habe nicht nur aus dieser Situation gelernt. Erst wenn du innerlich ruhig bist, wenn du einer Situation souverän begegnest, begegnen kannst, dann folgt dir auch dein Hund.

20150819_120926In diesem Sinne – lasst euch durch nichts erschüttern, geht souverän durch die Welt, seid fröhlich und macht euch nicht zu viel unnötige Gedanken. Ab und an nachdenken ist aber dennoch erlaubt. Steht zu euren Gefühlen und auch zu euren Unsicherheiten oder gar Ängsten. Und ja, schaut ab und an in den Spiegel. Schaut genau hinein in den Spiegel, den euch eure Hunde vor die Nase halten, denn sie gehören zu den besten Beobachtern der Welt und sind schließlich ein Spiegel deiner selbst.

Es grüßen euch herzlich, die Rinderbezwingerin mit Herta und Paule.

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