Herta und Paule und der perfekte Rückruf

Immer wieder Thema in Hundestunden. Ganze Seminare über den Rückruf werden veranstaltet. Ich habe hierfür eine ganz eigene Lösung gefunden – vielleicht etwas eigenwillig, aber wir kommen damit sehr gut zurecht.

Was versteht der Hundetrainer unter einem perfekten Rückruf?

Ich denke, das ist schnell erklärt. Egal welcher Ablenkung der Hunde ausgesetzt ist, ob spielen, Hundebegegnung oder flüchtendes Reh. Ein Kommando und der Hund kehrt zum Herrchen oder Frauchen zurück. That’s it! So einfach also – von wegen. Fast ein jeder Hundehalter kapituliert beim fliehenden Wild, den Rückruf bei Hundebegegnungen bewältigen schon ein paar mehr und wer seinen Hund nicht einmal aus dem Spiel abrufen kann, der sollte schleunigst tätig werden.

Rückruf – ich hab da so meine ganz eigene Praxis

Rein theoretisch ist auch für mich der perfekte Rückruf eben dieser, bei dem der Hund mit wehenden Ohren in meine Richtung rennt – egal bei welcher Ablenkung von außen – um dann mit quietschenden Pfoten an meinem Bein anzudocken.

Soweit so gut, doch ist das in der Realität immer umsetzbar? Und genau an dieser Stelle setzt meine praktische Umsetzung des perfekten Rückrufs ein. Ich verlange von meinen Hunden nicht, dass sie ohne Umschweife und immer zu mir zurück gerannt kommen. Ich verlange von ihnen das, was sie zu leisten in der Lage sind. Ein Beispiel, der Pinguin kann schwimmen und tauchen, er ist sogar ein toller Taucher, aber fliegen kann er nicht. Genauso betrachte ich die einzelnen Charaktere Hund und versuche aus dem jeweiligen Status Quo meine für alle Seiten akzeptable und damit am Ende perfekt Lösung zu finden.

Herta und der Rückruf

Ja, die Herta, die macht es mir einfach. Geh ich mit ihr in ein Rückruf-Seminar, zeigen wir glänzende Ergebnisse. Sie kommt immer zu mir zurück, egal was die Welt da draußen so an Reizvollem zu bieten hat. Ihr absolut Größtes ist es, an meiner Seite zu sein, denn da fühlt sie sich sicher. Also kann ich darauf gehen, egal was passiert, ein Pfiff und die Herta kommt zurück. So einfach, so gut.

Paule und der Rückruf

Bei Paule sieht das alles GANZ anders aus. Aus dem Spiel mit anderen Hunden war er schon immer problemlos abzurufen. Beim Reh, war es etwas schwieriger und ich musste meinem passionierten Hinterherhetzer über lange Trainingssequenzen klarmachen, dass es sich lohnt, bei mir zu bleiben oder im Reizfall, rasch wieder eine Kehrtwendung einzulegen und doch lieber mit mir weiter des Weges zu gehen. Viel habe ich hier mit der Rettungshundearbeit erreicht. Was glaubt ihr wie viel Rehe, Füchse, Hasen und Wildschweine wir im Training und auch im Einsatz getroffen haben. Da musst du dich voll und ganz auf deinen Hund verlassen können, dass er weiter den vermissten Menschen sucht und nicht den Rehbraten klarmacht. In diesen Situationen war der Rückruf hinfällig, es war abgemachte Sache: dem Wild wird nicht hinterhergehetzt.

Erst heute hat sich wieder gezeigt, dass wir damals ganze Arbeit geleistet haben, denn wie aus dem nichts standen heute plötzlich drei Rehe vor uns im Wald. Keine 10 Meter von uns entfernt haben sie mitten auf dem Waldweg, plötzlich die Flucht ergriffen. Paule ist erst gar nicht los. Herta allerdings findet das Hinterherrennen nach wie vor toll. Also hat sie ihr Getriebe tiefer gelegt und ratterte los. Doch ein Pfiff von mir, Herta haut die Bremse rein und kommt zu uns zurück, genauso schnell, wie sie eben noch in die andere Richtung rannte. Das ist einfach toll und macht mich immer wieder aufs Neue happy – obwohl ich eigentlich weiß, dass ich mich auf die zwei verlassen kann.

Jetzt aber zurück zum perfekten Rückruf in der Paule-Version, denn nun kommen wir zum Thema Hundebegegnungen und da wird es spannend. Obwohl der Rückruf bei Paule immer klappt, bei Hundebegegnungen, wenn der andere Hund an der Leine ist und keine Begegnung mag, dann klappt der Hundeschule-Rückruf bei Paule einfach nicht. Es ist nicht so, dass der Paule auf die anderen Hunde zu rennt. Nein, das tut er nicht. Aber er kommt auch nicht zu mir zurück, wenn ich rufe oder pfeife. Warum? Das habe ich schnell erkannt. Er mag dem entgegenkommenden Mensch-Hunde-Team schlichtweg nicht den Rücken kehren. Gut. Eine Lösung musste her. Meine war und ist die Folgende: Paule bekommt das Kommando „warte“. Das heißt stehen oder sitzen bleiben – wie er es eben gerade mag. Das Wichtigste aber ist, dass er an Ort und Stelle bleibt. Ich geh dann zu ihm hin, leine ihn an und wir gehen gemeinsam unseres Weges. Das ist für mich perfekt.

Die eine kommt, der andere nicht

So, nun habe ich aber eine Herta – die mit den wehenden Ohren – und einen angewurzelten Paule. Was also tun. In aller Kürze läuft das bei uns so ab: Kommt ein angeleinter Hund auf uns zu, dann folgt der Pfiff, Herta kommt, Paule bleibt an Ort und Stelle. Herta leine ich an, wir laufen gemeinsam zu Paule, nehmen ihn auch an die Leine und weiter geht’s. Womöglich mag der ein oder andere jetzt sagen, dass wäre alles Trainingssache und ich hätte auch den Paule im Laufe seines Lebens dazu bewegen können, dass er auch dann zu mir zurückkommt, wenn uns ein anderer Hund entgegenkommt.

Gut möglich, aber ich sah und sehe die Notwendigkeit nicht, denn ich bin der Meinung, dass ich nicht vorbehaltlos und vielleicht sogar rücksichtslos alles vom Hund verlangen darf und soll. Vielmehr bin ich der Meinung, der Mensch sollte dem Hund auch ein Stück weit entgegenkommen, sollte sich auf die jeweiligen Möglichkeiten und auch auf die individuellen Grenzen des Hundes einlassen, um eine angemessene und für alle tragbare Lösung zu finden. In unserem Fall ist es eben die, dass der Paule anderen Hunden nicht den Rücken kehren muss. Ich bin zufrieden, wenn er jederzeit abrufbar ist, bei allen möglichen Ablenkungen zusammen mit Herta zu mir zurückkommt. So kann ich ihm in dieser einen, für ihn schwierigen Situation auch gerne Zugeständnisse machen, die keinem von uns wehtun. Das ist eben unser perfekter Rückruf 😊.

Ein Kommentar zu „Herta und Paule und der perfekte Rückruf

  1. Ich finde deine Herangehensweise toll zu dem Thema! Man muss sich wirklich viel öfters überlegen, warum macht mein Hund das jetzt nicht und gerade den Grund von Paule (ich möchte den Hund/Mensch sehe können) sehr gut nachvollziehbar. Warum das Kommando dann auf Biegen und Brechen durchsetzen, wenn es auch mit dem Warte geht UND Paule sich dabei wohl fühlt?! Für mich sind das alles Dinge die auch die Bindung stärken und mein Hund dann bei Sachen die er die er eigentlich nicht möchte vielleicht sich für mich entscheidet.
    Bindung statt Erziehung – ich denke damit fährt man sehr oft besser und das erreichst du mit deiner Methode. Super!

    Liebe Grüße
    Sabine mit Gubacca

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